In fünf Tagen (22. September) wird Roberto Saviano 32 Jahre alt. Womit er dann genauso alt ist wie ich. Das macht mich nachdenklich. Wer das Schicksal des Italieners kennt, weiß, dass ihn dieses Buch das Leben kosten kann; dass er nur deshalb überhaupt noch am Leben ist, weil er rund um die Uhr bewacht wird, ständig seinen Aufenthaltsort wechselt und so selten wie möglich vor die Tür auf die Straße geht. Wenn ihn dieses Buch bisher nicht das Leben gekostet hat, dann hat es ihn mit Sicherheit um seine Freiheit gebracht. Und das macht mich nachdenklich.
Es macht mich aber auch zornig und traurig. Ich spüre diese wilde Hilflosigkeit, die Ohnmacht, die einen im Nacken packt und nicht mehr loslässt, bis sich der Magen qualvoll zusammenzieht und die Hände zu zittern beginnen; und man nur noch stammeln kann: "Das darf doch alles nicht wahr sein!" Aber es ist natürlich wahr. Und es wird sich niemals ändern. Niemals. Wie sollte es auch? Da ist nichts, was man tun könnte. Nichts, außer den Blick zu senken und zu hoffen. Vergeblich, wahrscheinlich.
Der Widerstand gegen die Clans wird zum Überlebenskampf, als könnte die eigene Existenz allein, das Essen, das man zu sich nimmt, der Mund, den man küsst, die Musik, die man hört, die Bücher, die man liest, dem Leben keinen Sinn mehr geben. Als läge der Sinn des Lebens einzig und allein im Überleben. Wissen, Verstehen und Ergründen ist daher nicht bloß eine moralische Pflicht, es ist eine Überlebensfrage. Ohne diese Selbstverpflichtung ist kein menschenwürdiges Dasein möglich. (S. 364)
Ja, vielleicht ist die Hoffnung, es könnte sich etwas ändern, vergeblich. Vielleicht ist sie nicht nur vergeblich, sondern auch gefährlich. Weil sie scheinbare Selbstverständlichkeiten nicht hinzunehmen vermag; weil sie jene, die sich wie selbstverständlich in diesen Selbstverständlichkeiten eingerichtet haben, nötigt über ihre eigene Bedeutung, ihren Standpunkt in diesem großen absurden lächerlichen tödlichen Spiel nachzudenken; und damit zu einer Reaktion zwingt, die offen zu Tage treten lässt, auf welcher Seite man steht.
Roberto Saviano – und mit ihm viele andere – hat sich entschieden. Wenn ihm vielleicht auch nicht bewusst war, welche Wellen sein Buch schlagen würde; wenn es vielleicht auch gar nicht seine Absicht war, das ganz große Fass aufzumachen; wenn er es – hätte er es damals gewusst – vielleicht nie getan hätte. Saviano hat sich bekannt. Er hat Stellung bezogen. Und vielleicht ist das alles, was man von einem einzelnen Menschen verlangen darf. Vielleicht ist es sogar schon viel zu viel.
Gomorrha – Eine Reise in das Reich der Camorra von Roberto Saviano erschien 2007 zunächst im Carl Hanser Verlag, die ungekürzte Taschenbuchausgabe erschien 2009 im dtv-Verlag.