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fair enough.

Philosemitismus

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Lassen Sie mich mit einem Zitat von Hannah Arendt beginnen, nur um gleich mal den Rahmen abzustecken, in dem wir uns hier bewegen.

Die wenigen Europäer, die um diesen gesamteuropäischen Aspekt der Judenfrage [den Zusammenbruch des nationalstaatlich organisierten Europas] wussten, darf man nicht mit den Philosemiten verwechseln, die es auch immer gegeben hat und die sich prinzipiell von den Antisemiten nur dadurch unterscheiden, dass sie weniger einflussreich waren. (Arendt: S. 72f.)

Folgt man Arendt hier, sind Philosemiten im Grunde nichts anderes als Antisemiten unter anderem Vorzeichen. Was also dem Antisemiten am Jüdischen verachtenswert, ist dem Philosemiten verehrenswert. Während also der Antisemit „den Juden“ als Ursprung allen Übels ausgemacht hat, das es letztendlich auszurotten gilt, vollführt der Philosemit in seiner Bewertung „der Juden“ eine 180-Grad-Wendung und sieht in „den Juden“ tatsächlich so etwas wie das auserwählte Volk, dessen kulturelle Errungenschaften nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Beiden gemeinsam ist der grundlegende Irrtum, dem sie unterliegen.

Einen Menschen a priori, nicht als einzelnen, als Person, sondern generell und vornehmlich als Deutschen, Neger, Juden, Fremden oder Welschen zu behandeln, ohne dass man schon die Erfahrungen hätte, er ermangele eigenen Urteils und verdiene nicht, für sich selbst zu gelten, ist barbarisch. (Horkheimer, zit. nach Claussen: S. 13)

Das Problem ist also nicht, ob man Bücher von Amos Oz, Musik von Geoff Berner, Filme von Woody Allen mag oder nicht. Sondern ob man dies alles mag oder nicht, einzig aus dem Grund weil ihre Urheber Juden sind. Es handelt sich also bei Antisemitismus und Philosemitismus nur um zwei Seiten der selben Medaille. Wobei der Philosemitismus

die basale Andersartigkeitsunterstellung, die den Kern des Antisemitismus ausmacht, nur in ein sozial akzeptableres Gewand zu kleiden versucht. (Nunner-Winkler: S. 44)

Dies lässt sich beispielsweise im Nachkriegsdeutschland gut beobachten. Nachdem ins allgemeine Bewusstsein gedrungen war, was die meisten all die Jahre so erfolgreich verdrängt hatten, erfolgte eine grundsätzliche Abkehr vom zuvor üblichen Antisemitismus hin zu jenem Philosemitismus (vgl. Gaitanides), dem heutzutage (im Zeitalter des Web 2.0) auf allerhand Websites ausgiebig gefrönt wird. Treibt man sich ein wenig auf diesen Seiten herum, wird einem schnell klar, wie grundsätzlich der Philosemitismus dort zelebriert wird. Es zeigt sich jedoch ebenso schnell, wie scheinheilig und heuchlerisch das alles ist.

Neben den kritiklosen Jubelstürmen mit denen jede Entscheidung, jede Tat des israelischen Staates begleitet wird, tritt eines deutlich zu Tage: letztlich sind für jene stand- und wehrhaften Freunde Israels die Juden nichts anderes als Mittel zum Zweck. In einer kruden Mischung aus Islamophobie und Antiarabismus bildet der jüdische Staat ein Bollwerk, den es in jeder Form zu unterstützen und zu schützen gilt. Peter Ullrich bemerkt dazu:

Im Kontext des Nahostkonflikts besteht im Sinne der Identitätslogik häufig eine Affinität zwischen philosemitischen Einstellungen und der Abwertung von Arabischem und/oder Islamischem. (Ullrich: S. 44)

Man muss sich nur ansehen mit welchem Hass, mit welcher Verachtung auf den erwähnten Websites allem, was sich irgendwie arabisch oder islamisch ausnimmt, begegnet wird. Wenn Ullrich von einer „Abwertung“ spricht, ist das mächtig untertrieben. Der Gedanke, die Muslime von heute sind die Juden von damals, liegt nicht nur nahe, er drängt sich auf. Denn „die Muslime“ sind natürlich sämtlich „degeneriert, gewalttätig und schlicht von größtem Übel“. Hinter den „philosemitischen Einstellungen“ steckt im Grunde nicht viel mehr als die Legitimierung antiislamischer Ressentiments. Und genau das könnte noch zu einem Problem  für „die Juden“ werden.

Was genau passiert mit jenen, in die viele Menschen ihre Hoffnungen setzen, diese aber nicht erfüllen können? Was passiert mit jenen, die für etwas bewundert – ja, vergöttert – werden, das ihnen lediglich zugeschrieben wird, wenn sich herausstellt, dass diese Zuschreibungen nichts mit der Realität zu schaffen haben? Nun, sie fallen in Ungnade. Das ist nur folgerichtig. Wenn sich nun also herausstellt, dass „die Juden“ eben nicht das Bollwerk gegen die „muslimische Überfremdung“ sind, sondern Menschen, die in Ruhe und Frieden mit ihren Nachbarn leben wollen, und also alles tun werden, sich mit den arabischen Staaten zu arrangieren (wie wahrscheinlich das auch immer sein mag), weil sich die Einsicht durchsetzt, dass jeder Mensch das Recht auf ein würdiges Leben hat, egal welcher Religion oder Herkunft er ist, dass Kooperation mittel- und langfristig viel gewinnbringender ist als Konfrontation; wenn sich nun also herausstellt, dass „die Juden“ sich einen Dreck darum scheren, welche Hoffnungen all jene in sie setzen, die behaupten sie zu lieben, dann wird es mit der Liebe bald vorbei sein. Und an seine Stelle wird etwas treten, das im Dritten Reich etwa sechs Millionen Menschen das Leben gekostet hat – die Überzeugung nämlich, dass sie es verdient haben.

Es gilt also im Hinterkopf zu behalten, was Horkheimer dazu zu sagen hatte:

Es ist mir fast nicht weniger verdächtig, wenn einer sagt, dass er 'die Juden' schlechthin liebt, als wenn er ihnen etwas Falsches vorwirft. (Horkheimer, zit. nach Claussen: S. 13)


Literatur
Arendt, Hannah (1986): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Anitsemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. Frankfurt/Main. 6. Auflage.
Claussen, Detlev (Hrsg.) (1987): Vom Judenhass zum Anitsemitismus. Materialien einer verlängerten Geschichte. Darmstadt. Internet: http://www.infoladen.de/koeln/fnb/theorie/claussen.pdf (Zugriff: 31.08.10)
Gaitanides, Stefan (1994): Interkulturelles Lernen in einer multikulturellen Gesellschaft. In: Sozialmagazin, 2/1994. S. 26-33. Internet: http://www.fb4.fh-frankfurt.de/whoiswho/gaitanides/Interkulturelles%20Lernen.pdf (Zugriff: 31.08.10)
Nunner-Winkler, Gertrud (1995): Zur sozialen Konstruktion von Differenzen. In: Beiträge zur Lehrerbildung, 14(1)/1995. S. 43-52. Internet: http://www.bzl-online.ch/archivdownload/artikel/BZL_1996_1_43-52.pdf (Zugriff: 31.08.10)
Ullrich, Peter (2008): Die Linke, Israel und Palästina. Nahostdiskurse in Großbritannien und Deutschland. Berlin. Internet: http://www.rosaluxemburgstiftung.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Texte_48.pdf (Zugriff: 31.08.10)

Weiterführende Literatur
Kloke, Martin (2004): Endzeitfieber und Pulverfass. Israel und der christliche Fundamentalismus in Deutschland. In: Zeitschrift für Theologie und Gemeinde, 9. S. 141-162. Internet: http://www.bjsd.info/bjsd/presse/KlokeEndzeitfieber.pdf (Zugriff: 31.08.10)
Jäckle, Nicole (2008): Die Ethnische Hierarchie in Deutschland und die Legitimierung der Ablehnung und Diskriminierung ethnischer Minoritäten. Über den Konsens in den individuellen Vorurteilen von Mitgliedern einer Gesellschaft. Tübingen (Dissertation). Internet: http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2008/0475/pdf/dnj.pdf (Zugriff: 31.08.10)

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